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Ich suche nicht
ich finde
Pablo Picasso


Das Atelier, ein Raum. Eine schützende Haut, die Atmosphäre umschließt. Der Geruch nach Farben, die unzähligen Utensilien, geordnet und ungeordnet auf dem Arbeitstisch und im Regal den nächsten Einsatz erwartend und die Bilder: Nebeneinander gestapelt, als Reihe, als Ausgangspunkt, verschmolzen zu Gedankenketten – und die letzten, die Neuesten auf den Staffeleien - sie bestimmen die Anordnung und den Geist des Raumes.

"I paint what I like when I like and where I like"
(Ich male was ich will, wann ich will und wo ich will)


Das Leitmotiv von David Hockney, hat sich auch Ingetraut D. Stein zu eigen gemacht. Sie lässt sich von Dingen und Situationen inspirieren. Mit ihrer Malerei gibt sie ihnen ein Eigenleben und macht sie lebendig. filigrane Details, Licht und Atmosphäre, Materialien und Stoffe wachsen zusammen und visualisieren die Befindlichkeiten – des Dargestellten und des Schöpfers. In einem gelassenen Gleichgewicht verbindet sie Naivität, Verspieltheit und Freude mit Nachdenklichkeit, Melancholie und Sehnsucht. Ebenso wie Hockney, der vom "Gleichgewicht von Form und Inhalt in der Malerei" spricht, überdecken ihre Inhalte weder die Form, noch die formale Ambition den Inhalt.
Viele ihrer Werke thematisieren sich am geschriebenen Wort.

Als Sprachwissenschaftlerin und Theologin hat sie sich Zeit ihres Lebens mit der Interpretation und Analyse von Texten auseinandergesetzt. In der Malerei gelingt es ihr, die Atmosphäre des Wortes mit der Kraft der Visualisierung von beschriebenen Menschen, Situationen oder der Natur aufzugreifen. Die Bilder stehen nicht als bloße Ergänzung zum Text – sie bearbeiten in metaphorischer Weise das Gedicht, das Lied, das Märchen. Sie werden Wortersatz, Sinn und Übersinn. Kann man in manchen Bildern mit wenigen Blicken die ungeheure Stärke der Bibel erfassen und versteht blitzartig die Macht des Wortes, sind bei Anderen Augenblicke eingefroren, so dass die Augen auf dem Bild verhaften, die Stimmung tief innen aufnehmen und nie wieder los lassen wollen. Die intensive Zartheit von Rainer Maria Rilke trifft.
Von Jugend an beeindruckt und später stark beeinflusst von Paul Klee, lässt sich Ingetraut D. Stein, wie ihr Vorbild, weder einem bestimmten Kunststil zuordnen, noch einer durchgängigen Maltechnik. Sie experimentiert – Farben – Spachtel – Collagen.
Themen bestimmen scheinbar spielerisch die Materialien.

Und sie abstrahiert. Durch die Abstraktion wird das Vertraute fremd - Fremdes wird nicht wahrgenommen – die Farbe schon. Sie ist bei Ingetraut D. Stein von besonderer Bedeutung. Expressive Farben unterstreichen die inhaltliche Aussage oder nehmen sich ob der Zerbrechlichkeit des Themas zurück und bilden gleichzeitig das Bindeglied zur Form. Die Bildvorstellung von Ingetraut D. Stein ist nicht abbildhaft, auch wenn sie manchmal gegenständlich wirkt. Sie bewegt sich auf der Ebene des Symbolischen. Die Formbildung rückt ins Zentrum der Wahrnehmung und verstärkt so die Kernaussage. Sie bemächtigt sich der Stärke der Malerei seit jeher, den Begriff des "Schönen" zu durchbrechen, neu zu deuten und auf Leinwand zu manifestieren.

Vergangenheit, Spur, Religion, Dichtung – alles geformt zur Geschichte der Menschheit, als Summe der schöpferischen Leistung - der Kultur. Zeit und Kultur eröffnen in ihrem Schnittpunkt einen Raum, der als Handlungsfeld für die Kunstäußerungen von Ingetraut D. Stein dienen kann. Drehpunkt ist die Künstlerin selbst, indem sie als Zeugin der Gegenwart Verbindungen knüpft. Sie verwirklicht ihr Anliegen, Vergangenes zu reflektieren, in dem sie einzelne Aspekte herausgreift, in einen neuen oder veränderten Kontext setzt und so Assoziationen weckt, die uns in der Gegenwart vertraut sind, wodurch die Geschichte lesbar und verständlich wird.
Bestimmend sind die Frage des menschlichen Daseins und die grundlegende Frage, wie durch des Menschen Verhalten zur Welt, was letztlich ein Kulturbildendes ist, diese Welt verändern wird.

Ute-Lucia Krall, Mai 2010